Saarbrücken: Burschenschaft ins 'rechte' Licht gerückt

Ver­öf­fent­lichte Pro­to­kolle der Bur­schen­schaft “G­hi­bel­linia Prag zu Saar­brücken” zeigen un­ver­hoh­lenen Ras­sismus | Pro­mi­nente Für­spre­cher_innen aus Po­litik, Bil­dung und Wirt­schaft di­stan­zieren sich

Im Mai ver­gan­genen Jahres sah es für die Bur­schen­schaft “G­hi­bel­linia zu Prag” in Saar­brücken noch rosig aus. Man be­ging das 130-jäh­rige Ju­bi­läum im fest­lich de­ko­rierten, großen Saal des Saar­brücker Schlosses. Hoch­ran­gige Ver­treter aus Po­litik, Bil­dung und Wirt­schaft er­gingen sich in blu­migsten Reden über die Ver­dienste und Er­run­gen­schaften der Ver­bin­dung.

Der Prä­si­dent der Uni­ver­sität des Saar­landes, Volker Lin­ne­weber etwa, at­tes­tierte den Ghi­bel­linen eine “Vor­reiter[rolle] [in] der künf­tigen aka­de­mi­schen Aus­bil­dung”. Auch der, nun ehe­ma­lige Mi­nis­ter­prä­si­dent des Saar­landes und zu­künf­tige Richter am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Peter Müller dankte in einem Gruß­wort für das “En­ga­ge­ment zur Wah­rung ge­sell­schaft­li­cher, de­mo­kra­ti­scher und frei­heit­li­cher Werte” der Bur­schen­schaftler.

Wie weit es mit de­mo­kra­ti­schen und frei­heit­li­chen Werten bei den “Bun­des­brü­dern” wirk­lich be­stellt ist, zeigt nun ein Pro­to­koll eines Ge­ne­ral­con­vents der Ghi­bel­linen vom Ja­nuar diesen Jahres. In dem, von der Frank­furter Rund­schau ver­gan­gene Woche ver­öf­fent­lichten, Pa­pier finden sich Pas­sagen, die deut­li­cher nicht sein könnten. So wird etwa ein of­fenbar fik­tives Po­grom be­schrieben, bei dem “zur Feier des Tages vier Neger ge­lyncht” wurden, “die man vorher weiß ge­tüncht” habe. Auch für die Zu­kunft will man dieser Linie treu bleiben, so finden sich unter dem Punkt “Ver­an­stal­tungen für das nächste Se­mester” etwa eine “Ak­ti­ven­fahrt nach Na­mibia zur Ne­ger­jagd” und “zwei wö­chent­liche Po­grome”.

Auch wurde sich, in der Ghi­bel­linia ei­genen Art, mit der ei­genen Ver­gan­gen­heit aus­ein­ander ge­setzt. So wird die His­torie der Bur­schen­schaft, ge­rade vor und wäh­rend der NS-Zeit, in der Öf­fent­lich­keit nor­ma­ler­weise ent­weder ver­kürzt und be­schö­nigt dar­ge­stellt oder erst gar nicht er­wähnt. An­ders hinter, ver­meind­lich ver­schlos­senen Türen. So er­hielten die Bun­des­brüder laut Pro­to­koll einen “Brief des jü­di­schen Welt­kon­gresses”, indem dieser sich für die Schmä­hungen ihres Alten Herren “Hugo Jury” ent­schul­digte. Hugo Jury war Mit­glied der Bur­schen­schaft, als diese noch in der Deut­schen Karls-Uni­ver­sität in Prag re­si­dierte. Als NSDAP-Mit­glied machte er nach seinem Ein­tritt 1931 rasch Kar­riere und war unter an­derem Gau­leiter des Reichs­gaues Nie­der­donau und SS-Ober­grup­pen­führer. Ein strammer Nazi also, dessen Mit­glied­schaft in der Ghi­bel­linia ei­gent­lich eine kri­ti­sche Be­trach­tung for­dert. Statt­dessen findet sich im Pro­to­koll nur die Notiz das er­wogen wird, einen Film mit dem Titel “Jurys Liste” zu drehen, als An­spie­lung auf den Film “Schind­lers Liste”. In dem Film wird das Leben von Oskar Schindler ge­zeigt, der über seine Ei­gen­schaft als Groß­in­dus­tri­eller meh­rere hun­dert Juden vor den Ver­nich­tungs­lager der Nazis ret­tete. Ein Ver­gleich also, dem der Bun­des­bruder Hugo Jury ab­solut nicht ge­recht wird.

Die ei­gent­liche Posse sind je­doch nicht die Ver­öf­fent­li­chungen selbst, so men­schen­ver­ach­tend und wi­der­lich sie auch sein mögen. Es sind viel­mehr die Re­ak­tionen der vor­ma­ligen Be­für­worter_innen der Bur­schen­schaft, die den ge­samten Raum an saar­län­di­schen Amts- und Wür­den­trä­gern ab­de­cken. Wenn der stell­ver­tre­tende FDP-Lan­des­vor­sit­zende Se­bas­tian Greiber sagt, bei “seinem Auf­tritt [auf der 130-jäh­rigen Ju­bi­lä­ums­feier d.V.] habe es kei­nerlei An­zei­chen für das ent­spre­chende Ge­den­kengut in der Ghi­bel­linia ge­geben”, oder der CDU-Ge­ne­ral­se­kretär Ro­land Theis sich “er­schro­cken und über­rascht” über die jüngsten Äu­ße­rungen der Ver­bin­dung zeigt, bleibt mehr als nur der Hauch eines Zwei­fels.

Nicht nur ein Blick in die zahl­rei­chen Pu­bli­ka­tionen in jüngster Zeit über die Ver­gan­gen­heit und das ak­tu­elle Treiben der Bun­des­brüder hätte ge­nügt, um zu­min­dest Zweifel am “de­mo­kra­ti­schen und frei­heit­li­chen En­ga­ge­ment” der Bun­des­brüder zu be­kommen. Auch ein flüch­tiger Blick in die Auf­lis­tung ver­gan­gener Gast­redner der Bur­schen­schaft zeigt, wel­ches Geistes Kind sich hinter Mütze und Schärpe ver­steckt. Hier finden sich etwa Markus Bei­sicht, Mit­gründer der rechts­po­pu­lis­ti­schen “Bür­ger­be­we­gung Pro Köln”, der Vor­sit­zende der Re­pu­bli­kaner Rolf Sch­lierer oder der frü­here Bun­des­wehr-Ge­neral Rein­hard Günzel. Letz­terer wurde 2003 in den Ru­he­stand ver­setzt, nachdem er dem, wegen einer an­ti­se­mi­ti­schen Rede aus der CDU aus­ge­schlos­senen Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Martin Hoh­mann einen So­li­da­ri­täts­brief ge­schrieben hatte.

Es bleibt zu hoffen, das die­je­nigen, die sich nun darum streiten wer sich als erstes und am lau­testen von der Ghi­bel­linia di­stan­ziert, dieses Mal Wort halten und ihre Un­ter­stüt­zung, sei es in ma­te­ri­eller Form oder al­lein durch ihre Namen, dau­er­haft ein­stellen. Je­doch bleibt die Pro­ble­matik Bur­schen­schaften im all­ge­meinen und Ghi­bel­linia im Be­son­deren weiter be­stehen. Des­halb bleibt wei­terhin zu hoffen, das die ak­tu­ellen Ver­öf­fent­li­chungen die Ghi­bel­linia zu Prag in Saar­brücken in das rechte Licht rücken, das ihnen zu­steht: Als Haufen ewig­gest­riger, völ­ki­scher, na­tio­na­lis­ti­scher Narren in al­bernen Ko­stümen.

Und wenn ein ak­tives Mit­glied der Ghi­bel­linen zu den ak­tu­ellen Vor­würfen er­wi­dert, das deren “Ver­brei­tung den Fort­be­stand der Ghi­bel­linia ernst­haft in Ge­fahr bringe”, so bleibt für uns nur ab­schlie­ßend zu sagen: Daumen drücken!

Wei­tere In­for­ma­tionen:

- “Eine Bur­schen­schaft und ihre Spit­zen­po­li­tiker” – Ar­tikel in der Frank­furter Rund­schau vom 22.09.2011
- “FDP di­stan­ziert sich von Bur­schen­schaft” – Ar­tikel in der Frank­furter Rund­schau vom 26.09.2011
- “Bur­schen­schaft Ghi­bel­linia ent­schul­digt sich” – Ar­tikel in der Saar­brücker Zei­tung vom 27.09.2011
- “In mör­de­ri­scher Tra­di­tion” – Flyer der An­tifa Saar / Pro­jekt AK über die Bur­schen­schaft Ghi­bel­linia
- “Bur­schis an­fechten” – Flyer von an­ti­na­tio­nale.org über Bur­schen­schaften und Ghi­bel­linia zu Prag

Le­se­tipps:

- Voigt, Wil­fried – Die Ja­maika Clique, Macht­spiele an der Saar; Saar­brücken, 2011
- Später, Erich – Villa Waigner, Hanns Martin Schleyer und die deut­schen Ver­nich­tungs­elite in Prag 1939-1945, Ham­burg, 2009

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