Auch wurde sich, in der Ghibellinia eigenen Art, mit der eigenen Vergangenheit auseinander gesetzt. So wird die Historie der Burschenschaft, gerade vor und während der NS-Zeit, in der Öffentlichkeit normalerweise entweder verkürzt und beschönigt dargestellt oder erst gar nicht erwähnt. Anders hinter, vermeindlich verschlossenen Türen. So erhielten die Bundesbrüder laut Protokoll einen “Brief des jüdischen Weltkongresses”, indem dieser sich für die Schmähungen ihres Alten Herren “Hugo Jury” entschuldigte. Hugo Jury war Mitglied der Burschenschaft, als diese noch in der Deutschen Karls-Universität in Prag residierte. Als NSDAP-Mitglied machte er nach seinem Eintritt 1931 rasch Karriere und war unter anderem Gauleiter des Reichsgaues Niederdonau und SS-Obergruppenführer. Ein strammer Nazi also, dessen Mitgliedschaft in der Ghibellinia eigentlich eine kritische Betrachtung fordert. Stattdessen findet sich im Protokoll nur die Notiz das erwogen wird, einen Film mit dem Titel “Jurys Liste” zu drehen, als Anspielung auf den Film “Schindlers Liste”. In dem Film wird das Leben von Oskar Schindler gezeigt, der über seine Eigenschaft als Großindustrieller mehrere hundert Juden vor den Vernichtungslager der Nazis rettete. Ein Vergleich also, dem der Bundesbruder Hugo Jury absolut nicht gerecht wird.
Die eigentliche Posse sind jedoch nicht die Veröffentlichungen selbst, so menschenverachtend und widerlich sie auch sein mögen. Es sind vielmehr die Reaktionen der vormaligen Befürworter_innen der Burschenschaft, die den gesamten Raum an saarländischen Amts- und Würdenträgern abdecken. Wenn der stellvertretende FDP-Landesvorsitzende Sebastian Greiber sagt, bei “seinem Auftritt [auf der 130-jährigen Jubiläumsfeier d.V.] habe es keinerlei Anzeichen für das entsprechende Gedenkengut in der Ghibellinia gegeben”, oder der CDU-Generalsekretär Roland Theis sich “erschrocken und überrascht” über die jüngsten Äußerungen der Verbindung zeigt, bleibt mehr als nur der Hauch eines Zweifels.
Nicht nur ein Blick in die zahlreichen Publikationen in jüngster Zeit über die Vergangenheit und das aktuelle Treiben der Bundesbrüder hätte genügt, um zumindest Zweifel am “demokratischen und freiheitlichen Engagement” der Bundesbrüder zu bekommen. Auch ein flüchtiger Blick in die Auflistung vergangener Gastredner der Burschenschaft zeigt, welches Geistes Kind sich hinter Mütze und Schärpe versteckt. Hier finden sich etwa Markus Beisicht, Mitgründer der rechtspopulistischen “Bürgerbewegung Pro Köln”, der Vorsitzende der Republikaner Rolf Schlierer oder der frühere Bundeswehr-General Reinhard Günzel. Letzterer wurde 2003 in den Ruhestand versetzt, nachdem er dem, wegen einer antisemitischen Rede aus der CDU ausgeschlossenen Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann einen Solidaritätsbrief geschrieben hatte.
Es bleibt zu hoffen, das diejenigen, die sich nun darum streiten wer sich als erstes und am lautesten von der Ghibellinia distanziert, dieses Mal Wort halten und ihre Unterstützung, sei es in materieller Form oder allein durch ihre Namen, dauerhaft einstellen. Jedoch bleibt die Problematik Burschenschaften im allgemeinen und Ghibellinia im Besonderen weiter bestehen. Deshalb bleibt weiterhin zu hoffen, das die aktuellen Veröffentlichungen die Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken in das rechte Licht rücken, das ihnen zusteht: Als Haufen ewiggestriger, völkischer, nationalistischer Narren in albernen Kostümen.
Und wenn ein aktives Mitglied der Ghibellinen zu den aktuellen Vorwürfen erwidert, das deren “Verbreitung den Fortbestand der Ghibellinia ernsthaft in Gefahr bringe”, so bleibt für uns nur abschließend zu sagen: Daumen drücken!
Weitere Informationen:
- “Eine Burschenschaft und ihre Spitzenpolitiker” – Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 22.09.2011
- “FDP distanziert sich von Burschenschaft” – Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 26.09.2011
- “Burschenschaft Ghibellinia entschuldigt sich” – Artikel in der Saarbrücker Zeitung vom 27.09.2011
- “In mörderischer Tradition” – Flyer der Antifa Saar / Projekt AK über die Burschenschaft Ghibellinia
- “Burschis anfechten” – Flyer von antinationale.org über Burschenschaften und Ghibellinia zu Prag
Lesetipps:
- Voigt, Wilfried – Die Jamaika Clique, Machtspiele an der Saar; Saarbrücken, 2011
- Später, Erich – Villa Waigner, Hanns Martin Schleyer und die deutschen Vernichtungselite in Prag 1939-1945, Hamburg, 2009