Doch oft bleiben diese Freiräume einigen, wenigen vorbehalten und leider viel zu oft hinkt der Anspruch, einen Ort für möglichst viele Menschen, mit den verschiedensten sozialen oder (sub-)kulturellen Hintergründen zu schaffen, der Realität weit hinterher. So bleibt die Anzahl der Nutzer_innen solcher linken Freiräume meist weit unter dem Potenzial dessen zurück, was Einzugsgebiet, Angebot oder Problemansätze bieten würden und könnten.
Ein positives Beispiel wie es sein könnte, bot und bietet das "Kukutza" in Bilbao. Seit nunmehr über 13 Jahren ist das ehemalige Farbikgelände besetzt und hat es in dieser Zeit nicht nur geschafft, ein bemerkenswertes Angebot an verschiedensten Gruppen und Aktivitäten auf die Beine zu stellen, sondern gleichzeitig ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens in Bilbao selbst zu werden. Und das nicht nur bei jugendlichen Antifa-Aktivist_innen oder Subkulturkids, sondern quer durch alle Alters-, Herkunfts-, und Soziale Schichten.
Ein Genosse ist zur Zeit vor Ort und hat uns einen kleinen Bericht über seine Eindrücke und die Situation vor Ort zukommen lassen:
Nach einer recht verspulten Reise quer durch das Baskenland sind wir, dank dem Tipp eines Radlers, nun im Gaztexe (Jugendhaus) Kukutza in BIlbao angekommen. Das Kukutza ist seit 15 Jahren besetzt und hat insgesamt 6000 m². Es ist fester Bestandteil des populären Viertels Errekalde in Bilbo (spanisch Bilbao). Die Liste der hier angebotenen Aktivitäten würde die Mail hier sprengen. Theater, Workshops, alle möglichen Bildungsangebote (z.B. Baskischkurse), Sport, politische Aktivitäten und und und.... Wer hier ankommt ist willkommen, bekommt Essen und Unterkunft und kann sich ohne Probleme integrieren sofern er/sie das will. Für die Kinder des Viertels ist das Kukutza, was für uns früher der Bolzplatz war. Schule/Kindergarten aus und ab dahin. Sie können sich hier in einer friedlichen Atmosphäre austoben, allen möglichen Aktivitäten nachgehen, ohne Konsumzwang, ohne gezwungen zu sein das neueste Handy zu haben, irgendwelche Markenklamotten zu tragen oder der/die Stärkere zu sein. Einfach nur Frieden! So und nun kommt der, in der heutigen Zeit leider so typische Teil der Geschichte:
Die Baufirma, der das leerstehende Gebäude seit 17 Jahren "gehört" will das Kukutza räumen lassen. Mir fällt nur ein Wort dafür ein: Verbrechen. Wer so etwas zerstören will ist ein Verbrecher. Was die Leute hier seit 15 Jahren aufgebaut haben stellt alles in den Schatten, was mir jemals vor die Augen kam. Das ganze wurde selbstverständlich ohne Geld bzw. Geldgeber aufgezogen. Die Leute hier haben alles mit eigenen Händen aufgebaut. Der Organisationsgrad läst jeden VWler vor Neid erblassen. Das ganze läuft selbstverständlich ohne Hierarchie, ohne Autorität ab. Die Disziplin, ja die Disziplin der Leute hier ist unglaublich. Jeder wird respektiert. Es wird miteinander kommuniziert und durch die wundersame Wirkung dessen, was da Respekt genannt wird, ist es möglich, dass Veganer neben Fleischfressern, Schlafende neben Diskutierenden, Hippies neben Punks usw. leben (können). Zurück (leider) zu den Verbrechern. Seit ca. einem Monat ist nun das Kukutza von der Räumung bedroht. Die Leute hier bereiten sich darauf vor herausgeprügelt zu werden und mit ansehen zu müssen wie das was sie in 15 Jahren zusammen mit den Leuten aus dem Viertel aufgebaut haben von Baggern und Abrissbirnen niedergemacht wird. Zwar merkt man ihnen etwas Unruhe an, doch von Aufgeben bzw. Resignation keine Spur. Es werden einige Baumaßnahmen vollzogen, die es den Knüpplern, sollten sie denn kommen, erschweren sollen hier einzudringen. Ab morgen Samstag (den 20.08) fangen hier in BIlbo die Fiestas de BIlbao (der baskische Name fällt mir gerade nicht ein) an, das Stadtfest. 9 Tage Fest im Zentrum mit Ständen von allerlei Orgas und Gewerkschaften. Es wird vermutet, dass die Polizei diese Situation ausnutzt (das Fest ist in der Altstadt, während das Kukutza am am anderen Ende der Stadt liegt und viele Leute eben nicht im Kukutza sein werden) und diese Woche versuchen wird, das Kukutza zu räumen. Deshalb wurde ein Schichtplan für die folgenden 9 Tage eingerichtet. Das Gebäude wird nur dreimal am Tag kurz geöffnet um heraus bzw. hinein zu gehen. Die Leute tragen sich in Schichten ein das Haus quasi zu bewachen. Bewachen heißt, vor Ort sein. Widerstand im Falle eines Angriffs wird passiv sein. Um keinen Koller zu bekommen gibt es die Schichten, damit mensch auch mal ein paar Stunden raus an die frische Luft kann, bzw aufs Fest.
Ebenso, nicht nur für die kommenden 9 Tage, wurde dazu aufgerufen, Brigaden, ja manchmal ist sogar von internationalen Brigaden die Rede, zu bilden und ins Kukutza zu kommen um die Leute hier zu unterstützen. Die Sache spricht sich herum. Leute aus aller Welt sind da, Spanien, Armenien, Kroatien, ja sogar Deutschland. Die Nationalität ist sowieso scheißegal. Sowas gibt's hier nicht, sowas ist hier Geschichte! Wir haben ohne Internet bzw. Handy oder ähnlichem davon erfahren und uns auf den Weg gemacht und werden hier solange bleiben bis uns die kapitalistische Lohnarbeitsrealität wieder einholt und wir zu ängstlich sind diese real in Frage zu stellen. kurz: wir wieder zum arbeiten/dem Chef die Taschen füllen gehen. Wie sinnlos dies erscheint im Kontext dessen was hier lebt! Ich denke das ist mal genug für den Anfang. Verbreitet die Nachricht, kommt vorbei wenn ihr Zeit habt und das Unglaubliche sehen wollt. Habt ihr noch kein Urlaubsziel? Ongi etorri/BIenvenido im Kukutza! Kommt vorbei bringt mit, was ihr tragen könnt, Schlafsäcke, euer Wissen, Werkzeuge usw. Weiter Infos folgen.
Einen netten Überblick über das Kukutza gibt ein kleines Video, mit einer visuellen Hausrundführung.
Mehr Infos:
- Kukutza ( Homepage | Facebook | Twitter )
- Video über eine Demonstration zur Erhalt des Kukutza am 17. Juli