Bilbao: Kukutza droht die Räumung

Be­setztem Stadt­teil- und Nach­bar­schafts­zen­trum droht nach über 13 Jahren die Räu­mung

Frei­räume exis­tieren in vielen Städten und Formen. Sei es als 'klas­si­sches' Au­to­nomes Zen­trum, als Wohn­pro­jekt, reiner Ver­an­stal­tungsort, Nach­bar­schafts­zen­trum, oder als Misch­form ir­gendwo da­zwi­schen.

Den An­spruch, den solche Frei­räume (meist) an sich selbst stellen, ist die Schaf­fung eines Ortes, der mög­lichst frei ist, von Dingen, die uns an einem Leben, nach un­seren Vor­stel­lungen hin­dern: Ka­pi­ta­lismus und Kon­sum­zwang, Hier­a­chien und Un­ter­drückungs­me­cha­nismen wie Se­xismus, Ras­sismus etc.pp.

Doch oft bleiben diese Frei­räume ei­nigen, we­nigen vor­be­halten und leider viel zu oft hinkt der An­spruch, einen Ort für mög­lichst viele Men­schen, mit den ver­schie­densten so­zialen oder (sub-)kul­tu­rellen Hin­ter­gründen zu schaffen, der Rea­lität weit hin­terher. So bleibt die An­zahl der Nutzer_innen sol­cher linken Frei­räume meist weit unter dem Po­ten­zial dessen zu­rück, was Ein­zugs­ge­biet, An­gebot oder Pro­ble­man­sätze bieten würden und könnten.

Ein po­si­tives Bei­spiel wie es sein könnte, bot und bietet das "Ku­kutza" in Bilbao. Seit nun­mehr über 13 Jahren ist das ehe­ma­lige Far­bik­ge­lände be­setzt und hat es in dieser Zeit nicht nur ge­schafft, ein be­mer­kens­wertes An­gebot an ver­schie­densten Gruppen und Ak­ti­vi­täten auf die Beine zu stellen, son­dern gleich­zeitig ein fester Be­stand­teil des öf­fent­li­chen Le­bens in Bilbao selbst zu werden. Und das nicht nur bei ju­gend­li­chen An­tifa-Ak­ti­vist_innen oder Sub­kul­tur­kids, son­dern quer durch alle Al­ters-, Her­kunfts-, und So­ziale Schichten.

Ein Ge­nosse ist zur Zeit vor Ort und hat uns einen kleinen Be­richt über seine Ein­drücke und die Si­tua­tion vor Ort zu­kommen lassen:

Nach einer recht ver­spulten Reise quer durch das Bas­ken­land sind wir, dank dem Tipp eines Rad­lers, nun im Gaz­texe (Ju­gend­haus) Ku­kutza in BIlbao an­ge­kommen. Das Ku­kutza ist seit 15 Jahren be­setzt und hat ins­ge­samt 6000 m². Es ist fester Be­stand­teil des po­pu­lären Vier­tels Er­re­kalde in Bilbo (spa­nisch Bilbao). Die Liste der hier an­ge­bo­tenen Ak­ti­vi­täten würde die Mail hier sprengen. Theater, Work­shops, alle mög­li­chen Bil­dungs­an­ge­bote (z.B. Bas­kisch­kurse), Sport, po­li­ti­sche Ak­ti­vi­täten und und und.... Wer hier an­kommt ist will­kommen, be­kommt Essen und Un­ter­kunft und kann sich ohne Pro­bleme in­te­grieren so­fern er/sie das will. Für die Kinder des Vier­tels ist das Ku­kutza, was für uns früher der Bolz­platz war. Schule/Kin­der­garten aus und ab dahin. Sie können sich hier in einer fried­li­chen At­mo­sphäre au­s­toben, allen mög­li­chen Ak­ti­vi­täten nach­gehen, ohne Kon­sum­zwang, ohne ge­zwungen zu sein das neueste Handy zu haben, ir­gend­welche Mar­ken­kla­motten zu tragen oder der/die Stär­kere zu sein. Ein­fach nur Frieden! So und nun kommt der, in der heu­tigen Zeit leider so ty­pi­sche Teil der Ge­schichte:

Die Bau­firma, der das leer­ste­hende Ge­bäude seit 17 Jahren "ge­hört" will das Ku­kutza räumen lassen. Mir fällt nur ein Wort dafür ein: Ver­bre­chen. Wer so etwas zer­stören will ist ein Ver­bre­cher. Was die Leute hier seit 15 Jahren auf­ge­baut haben stellt alles in den Schatten, was mir je­mals vor die Augen kam. Das ganze wurde selbst­ver­ständ­lich ohne Geld bzw. Geld­geber auf­ge­zogen. Die Leute hier haben alles mit ei­genen Händen auf­ge­baut. Der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad läst jeden VWler vor Neid er­b­lassen. Das ganze läuft selbst­ver­ständ­lich ohne Hier­ar­chie, ohne Au­to­rität ab. Die Dis­zi­plin, ja die Dis­zi­plin der Leute hier ist un­glaub­lich. Jeder wird re­spek­tiert. Es wird mi­tein­ander kom­mu­ni­ziert und durch die wun­der­same Wir­kung dessen, was da Re­spekt ge­nannt wird, ist es mög­lich, dass Ve­ganer neben Fleisch­fres­sern, Schla­fende neben Dis­ku­tie­renden, Hip­pies neben Punks usw. leben (können). Zu­rück (leider) zu den Ver­bre­chern. Seit ca. einem Monat ist nun das Ku­kutza von der Räu­mung be­droht. Die Leute hier be­reiten sich darauf vor her­aus­ge­prü­gelt zu werden und mit an­sehen zu müssen wie das was sie in 15 Jahren zu­sammen mit den Leuten aus dem Viertel auf­ge­baut haben von Bag­gern und Abriss­birnen nie­der­ge­macht wird. Zwar merkt man ihnen etwas Un­ruhe an, doch von Auf­geben bzw. Re­si­gna­tion keine Spur. Es werden ei­nige Bau­maß­nahmen voll­zogen, die es den Knüpp­lern, sollten sie denn kommen, er­schweren sollen hier ein­zu­dringen. Ab morgen Samstag (den 20.08) fangen hier in BIlbo die Fie­stas de BIlbao (der bas­ki­sche Name fällt mir ge­rade nicht ein) an, das Stadt­fest. 9 Tage Fest im Zen­trum mit Ständen von al­lerlei Orgas und Ge­werk­schaften. Es wird ver­mutet, dass die Po­lizei diese Si­tua­tion aus­nutzt (das Fest ist in der Alt­stadt, wäh­rend das Ku­kutza am am an­deren Ende der Stadt liegt und viele Leute eben nicht im Ku­kutza sein werden) und diese Woche ver­su­chen wird, das Ku­kutza zu räumen. Des­halb wurde ein Schicht­plan für die fol­genden 9 Tage ein­ge­richtet. Das Ge­bäude wird nur dreimal am Tag kurz ge­öffnet um heraus bzw. hinein zu gehen. Die Leute tragen sich in Schichten ein das Haus quasi zu be­wa­chen. Be­wa­chen heißt, vor Ort sein. Wi­der­stand im Falle eines An­griffs wird passiv sein. Um keinen Koller zu be­kommen gibt es die Schichten, damit mensch auch mal ein paar Stunden raus an die fri­sche Luft kann, bzw aufs Fest.

Ebenso, nicht nur für die kom­menden 9 Tage, wurde dazu auf­ge­rufen, Bri­gaden, ja manchmal ist sogar von in­ter­na­tio­nalen Bri­gaden die Rede, zu bilden und ins Ku­kutza zu kommen um die Leute hier zu un­ter­stützen. Die Sache spricht sich herum. Leute aus aller Welt sind da, Spa­nien, Ar­me­nien, Kroa­tien, ja sogar Deutsch­land. Die Na­tio­na­lität ist so­wieso scheißegal. Sowas gibt's hier nicht, sowas ist hier Ge­schichte! Wir haben ohne In­ternet bzw. Handy oder ähn­li­chem davon er­fahren und uns auf den Weg ge­macht und werden hier so­lange bleiben bis uns die ka­pi­ta­lis­ti­sche Lohn­ar­beits­rea­lität wieder ein­holt und wir zu ängst­lich sind diese real in Frage zu stellen. kurz: wir wieder zum ar­beiten/dem Chef die Ta­schen füllen gehen. Wie sinnlos dies er­scheint im Kon­text dessen was hier lebt! Ich denke das ist mal genug für den An­fang. Ver­breitet die Nach­richt, kommt vorbei wenn ihr Zeit habt und das Un­glaub­liche sehen wollt. Habt ihr noch kein Ur­laubs­ziel? Ongi etorri/BI­en­ve­nido im Ku­kutza! Kommt vorbei bringt mit, was ihr tragen könnt, Schlaf­säcke, euer Wissen, Werk­zeuge usw. Weiter Infos folgen.

Einen netten Über­blick über das Ku­kutza gibt ein kleines Video, mit einer vi­su­ellen Haus­rund­füh­rung.

Mehr Infos:

- Ku­kutza ( Ho­me­page | Fa­ce­book | Twitter )
- Video über eine De­mons­tra­tion zur Er­halt des Ku­kutza am 17. Juli

antinationale.org

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